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  • dertimpel

Stoppt den Klimaprotest

Wissen Sie, wie man am Besten Feedback gibt, um zum gewünschten Weiterentwicklungsprozess eines anderen Menschen zu gelangen? Genau - Anschreien, Fluchen, Beschimpfen, Eskalieren und Drohen! Bewusst machen, wie Scheiße die Person ist - und das am Besten so oft und laut wie möglich. Oder vielleicht eher doch nicht? Ich denke sehr viel über diesen Aspekt der aktuellen Klimaproteste, unter anderem der Besetzung der Stadtstraßenbaustelle, nach, deren Inhalte und Anliegen ich zu einem extrem großen Teil unterstütze. Ich mache mir wahnsinnig große Sorgen um die bevorstehende Klimakatastrophe, deren Fortschreiten offenbar immer weniger aufzuhalten ist. Ich versuche, so viel wie möglich regional zu kaufen, um keine langen Transportwege zu fördern. Ich bin beruflich auf's Auto angewiesen (Beginnzeit 5 Uhr), versuche aber privat so viel wie möglich mit den Öffis oder zu Fuß zurückzulegen. Aber genau deswegen frage ich mich immer wieder, ob all diese bewundernswerte Leidenschaft und Energie, die diese Menschen in ihre Proteste investieren, sinnvoll und effizient eingesetzt wird - und ob sie vor allem zielführend ist. So wie ich die Bewegung verstanden habe, geht es doch zu einem großen Teil um Bewusstsein schaffen, um ein Umdenken in der Bevölkerung zu erwirken - und das unterstütze ich zu 100%. Aber ist das wirklich über die Besetzung einer Baustelle einer genehmigten, umweltgeprüften und für das Stadtentwicklungsgebiet relativ alternativlosen Straße zu erreichen? Wie wird dieser Protest wahrgenommen? Einer der Aktivisten hat auf Twitter sinngemäß geschrieben: "Klenk, Treichler und andere schreiben über uns - also machen wir alles richtig!" Dann ist das Ziel offenbar nur Aufmerksamkeit, ohne Rücksicht darauf, wie diese ausfällt. Denn die Resonanz ist relativ breit: Das bringt nix, so wird's nix. Ich komme wieder zu meiner Einleitung zurück und stelle die Frage: Wie viele Menschen wird so ein derartiger Protest zum Umdenken bewegen? Ich vermute mal: wenige bis gar keine. Meine Vermutung: Diese Proteste werden zwar, teilweise, wohlwollend kommentiert: "Gut, dass sich die Jugend einsetzt und engagiert." - aber das ist vermutlich schon das höchste der Gefühle. Bei anderen mag es überhaupt nur als ein "Aufführen", ein "Inszenieren" und ein "Gebärden" ankommen - und das ist doch unendlich schade, wenn sich so viele junge Menschen so sehr engagieren für eine so wichtige Sache - und das der Output ist. Ich weiß, die Aktivist*innen werden mich nicht fragen - aber würden sie, dann würde ich ihnen, als jemand der seit über 15 Jahren in den Medien arbeitet und Programme und Aktionen entwickelt, plant und umsetzt, die auf möglichst viel Response ausgelegt sind, zu Folgendem raten: Überlegt euch positive Kampagnen zur Bewusstseinsschaffung und versucht, die Bevölkerung zu euch ins Boot zu holen. Nehmt die Energie der zigtausenden jungen Menschen, die ihr zur Verfügung habt, und sammelt Ideen, wie ihr die Leute dazu animieren könnt, umzudenken. Macht klimafreundlich cool - und zwar bei der breiten Masse. Setzt euch mit den Wiener Linien und den ÖBB zusammen und entwickelt eine App, bei der man in jedes Öffi einchecken kann und mit Punkten Vergünstigungen bei anderen Unternehmen bekommt - evtl sogar ein Bonus-Malus-System wo jede Autofahrt Punkte abzieht. Überlegt euch eine Challenge für TikTok, die eventuell viral gehen könnte, einen Hashtag a la #savedtheplanettoday unter dem jeder seinen guten Beitrag des Tages postet. Mir ist natürlich klar, dass der Weg auf die Straße, das martialische Auftreten in Massen, das Lahmlegen von Straßenzügen und halben Städten und der Kampf gegen Baumaschinen sich innerlich besser anfühlt, dem inneren Zorn und der gefühlten Verzweiflung eher gerecht wird, als sich Marketingkampagnen und lustige Apps und Challenges zu überlegen. Man will die Menschen wachrütteln und ihnen klarmachen: "WACHT AUF!!! ES IST 5 NACH 12!!!" Und ja, man will es rausschreien. Ich verstehe das, wirklich. Mir ist auch klar, wie absurd es sich anfühlen muss, sich "Werbung" für die Rettung der Menschheit überlegen zu müssen - sollte das nicht automatisch jedem halbwegs denkbegabten Menschen sowieso das höchste Gut sein? Ja. Ist es aber leider nicht. Aber - es ist wahrscheinlich um einiges effektiver, die Leute von innen heraus zu motivieren, tatsächlich auf Alternativen umzusteigen, sofern es ihnen möglich ist. Denn wer in einen Kampf geht, hat einen Gegner - und in dem Fall ist es aber genau der Gegner, den man als Verbündeten bräuchte: Es gilt nämlich die Klimakatastrophe zu bekämpfen und nicht "alle anderen". Und der Klimakatastrophe ist es herzlich wurscht, wie laut man schreit, wie lange man den Ring besetzt und wie stark man sich an einem Bagger festkettet - wenn man die breite Masse der Menschen nicht ins Boot holt, wird es wohl untergehen. Um zurück zu meiner Überschrift zu kommen: Stoppt den Klimaprotest - holt euch lieber noch den Rest!

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